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Modern sehen sie aus. Und irgendwie auch beängstigend, wenn Sie mich fragen. Diese Geräte um das Handgelenk, die der Selbstvermessung dienen und tagein, tagaus und nachts ebenfalls dem Smartphone oder Tablet in unserem Leben Rückmeldung darüber geben sollen, wie es uns geht. Sie wissen mehr über uns als wir selbst. Zumindest rein technisch. In Zahlen und Werten. Sie kennen den Puls, manche den Blutdruck. Sie wissen, wie viele Schritte wir gemacht haben und wie unsere Nacht war. Sie sagen uns, wie unser Stresslevel ist, und messen jede nur denkbare Körperfunktion. So weit – so erschreckend.

Wo bleibt bei all dieser Total-Überwachung unsere Selbstwahrnehmung? Wo bleibt unser Instinkt? Wo unser gesunder Menschenverstand? Brauche ich wirklich eine Maschine, um zu wissen, dass ich nachts gut geschlafen habe? Oder dass mein Herz rast, weil ich gestresst bin? Eine Hilfe soll es sein, dieses sogenannte Self-Tracking. Mit der Begründung, dass unsere Fähigkeit, uns selbst wahrzunehmen, begrenzt ist.

Ganz ehrlich und unter uns: So wird sie auch in Zukunft garantiert nicht besser, diese Fähigkeit! Alles, was wir damit erreichen, dass auch diese sehr intimen Vitalzeichen in Zukunft in eine große Masse Daten einfließen, die von irgendwoher überwacht und auf lange Sicht gesteuert werden. Und wenn wir uns jetzt schon selbst nicht mehr spüren – wollen oder dürfen, das sei mal ganz und gar dahingestellt –, wenn wir dieses Quantified-Self-Spielchen mitmachen, das sich rund um den Globus zu einem echten Hype entwickelt, dann ist eines sicher: Irgendwann wird uns diese Fähigkeit ganz abhandenkommen.

Denn was tun wir anderes, wenn wir mit Navigationssystem fahren? Wir verlassen unsere angeborenen Fähigkeiten, uns zu orientieren. Wir schauen nicht mehr auf die Welt um uns herum, nehmen Natur und Städte, Kreuzungen und markante Orientierungspunkte nicht mehr wahr, wir folgen einem Pfeil auf einem Bildschirm im Auto.

Und wenn wir uns fragen, ob wir uns heute genug bewegt haben, dann lassen wir nicht den Tag Revue passieren mit all den Wegen, die wir gegangen sind, sondern wir schauen auf unser Handgelenk und fragen ein Gerät.

Wen fragen wir aber, wenn es darum geht, unsere Mitmenschen wahrzunehmen? Welches Gerät gibt uns da Auskunft? Welche Orientierung haben wir dann? Wie sollen wir den anderen wahrnehmen, wenn wir uns selbst nicht mehr spüren? Wenn wir jeden Instinkt im Keim ersticken und unserem inneren Kompass, unserer inneren Stimme nicht mehr folgen? Wollen wir uns wirklich jede Entscheidung, jede Entdeckung, jedes Abenteuer abnehmen lassen?

Ich für meinen Teil möchte mich verfahren dürfen. Ich möchte selbst entscheiden, ob ich mich gut fühle oder müde. Ich möchte einfach mal nur einen Tag faul sein dürfen und unter meiner Mindestsumme an Schritten bleiben. Ganz bewusst. Ganz bei mir und ohne jede Fremdsteuerung. Und ich möchte auch weiterhin meinen Mitmenschen begegnen und versuchen wahrzunehmen, was ist.

Für viele ist die Selbstüberwachung zum Instrument geworden. Zu einem Instrument, um die eigene Leistung zu steigern, um die Werte zu optimieren und um auch weiterhin ganz vorne mit dabei zu sein. Auf diesen kurzen Nenner werden die Vorzüge des Selbsttracking gebracht. Hm, ich lass das mal so stehen und frage mich: Wo soll das enden? Sind dann Doping und alle leistungssteigernden Methoden, Mittel und Wege folgerichtig der nächste Schritt?

Denn was geschieht, wenn ich irgendwann feststelle, dass ich am Ende meiner Leistungskurve bin? Dass mehr Sport und Kalorienverbrennung nicht geht? Dass effizientere Nutzung von Wachzeit und Schlafenszeit kaum möglich ist. Gebe ich dann auf, oder suche ich nach Möglichkeiten, besser zu werden? Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wo bleibt hier die Selbstwahrnehmung? Wo springt in meinem Hirn, meinem Herz oder meiner Seele die Warnlampe an, die sagt, dass Leistung nicht alles ist? Das ich einer gesteigerten Leistung nicht alles andere unterordnen darf?

Entgegen aller wohlklingenden Wirtschaftsprognosen und aller vollmundigen Aussagen, wie gut es uns doch geht: Der Druck in der Arbeitswelt ist riesengroß. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust auch. Die Sorge, den Lebensstandard nicht halten zu können, unermesslich. Und der Leistungsdruck ist enorm. Daran ändert auch das Bändchen um das Handgelenk nichts. Jeden Tag begehen in Deutschland 53 Menschen Selbsttötung. Auch, weil sie diesem Druck nicht standgehalten haben.

Lassen Sie uns nicht nach neuen Techniken suchen, wie wir dem Druck noch besser standhalten, sondern nach den Ursachen forschen, die den Druck erzeugen. Der Weg führt nach innen. Dorthin, wo es keine einheitlichen Messgrößen gibt. Dorthin, wo es für viele Menschen einsam und bedrohlich ist. Dorthin, wo uns nur eines helfen kann: die feine Wahrnehmung unseres Selbst. Unserer Bedürfnisse, unserer Kraft, unserer Ressourcen und unseres Seins. Die Wahrnehmung dessen, was uns ausmacht.

Unser Selbst!

Es gibt eine lange philosophische Tradition, die sich mit der Frage nach dem Selbst beschäftigt. Plato und Aristoteles vertraten die Auffassung, dass alles Fragen über unser Selbst irgendwann endet. Es gebe einen innersten Kern unserer Person, eine Seele, die man nicht weiter ergründen könne. So könnte man es stehen lassen ... oder nicht?

Wenn wir uns umschauen, dann entdecken wir zum Beispiel im Buddhismus die einzige Religion, die sagt, dass es kein Selbst gibt, das unabhängig von den Aggregaten des Körpers und des Geistes existiert. Alle theistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) hingegen haben eine ähnliche Sicht auf das Selbst: Sie sagen, dass Gott das Selbst (die Seele) erschaffen hat. Die Schöpfung ist demnach die Antwort auf die Frage des Selbst, woher es kommt.

Aber was ist es? Was zeichnet dieses Selbst aus? Wie kann ich es wahrnehmen, wie beschreiben, wie unterscheiden von allen anderen Lebewesen? Es ist diese Frage nach der Selbst-Erfahrung, die uns spätestens so um die Lebensmitte kalt erwischt. Genau dann, wenn der Druck von außen am größten ist. Wenn die Konkurrenz immer jünger wird, die Haare immer grauer oder lichter. Wenn die Leistungsfähigkeit nicht mehr wie mit 20 unendlich scheint und die Hilfsmittel – sei es Brille, Pulsuhr oder Navigationsgerät – zu scheinbar unentbehrlichen Krücken werden.

Dieses Selbst meldet sich oft zu Wort. Meistens mit einer leisen, vorsichtigen Stimme. Gehör findet es aber meistens nur dann, wenn alles andere schweigt. Wenn der Körper einmal nicht Hochleistung bringen kann oder muss. Wenn unser Gehirn ausruht und entspannt – still wird und Kraft tankt. Gehör findet es nur dann, wenn von außen etwas in unser Leben hereinbricht und für einen Moment alles auf den Kopf stellt. Plötzliches Verliebtsein, plötzlicher Verlust, plötzliche Trauer oder plötzliche Krankheit. In diesen Momenten wird die oft zaghafte Stimme unseres Selbst lauter. Und manchmal findet sie sogar Gehör! Dieses Selbst, das dem Ich ein Gegenüber ist. Dieses Selbst, das nur allzu gern verwechselt wird mit Egoismus. Dieses Selbst, das wir kaum beschreiben, geschweige denn in Werten und Zahlen messen können.

Trauen Sie sich heute in all dem Trubel des Alltags, eine Verabredung einzugehen, die weit ab ist von messbarer Effektivität und Leistung. Verabreden Sie sich mit Ihrem Selbst. Tun Sie das, was Sie schon lange nicht mehr getan haben und was Sie schon lange vor sich herschieben. Tun Sie das, was Ihnen guttut, und dann nehmen Sie es wahr mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und mit wachem Verstand – Ihr Selbst!